Romanus, unser Patron
Unter dem 18. November ist im Hamelner Calendarium (nach 1235), das zum Messbuch des Hamelner Stiftes gehört, eingetragen: „Romani patroni nostri" (Romanus, unser Patron).
Warum ist das Hamelner Münster nicht nach diesem Schutzheiligen sondern nach Bonifatius benannt?
Allerdings: Auch „unser Patron“ ist noch gegenwärtig in der „Krypta Romanus“
(eigentlich: Crypta Sancti Romani). Eingang zur Krypta Romanus
Um das zu klären, müssen wir noch einige Jahrhunderte weiter zurück in unsere Geschichte gehen in die Zeit, als König - ab 800: Kaiser - Karl (der Große) die nordöstlich seines Reiches lebenden Sachsenstämme äußerst brutal christianisierte und schließlich unter seine Herrschaft brachte. Ein Eckpunkt in dieser Zeit ist die Taufe seines Gegners, des westfälischen Adligen Widukind, im Jahre 785.
In dieser Zeit wird das Benediktinerkloster in Fulda von König Karl beauftragt, u.a. den Weserraum zu missionieren. Dies ist jedoch nachweislich nicht durch Bonifatius geschehen, wie es die Legende will, sondern besonders durch den Mönch Erkanbert (gest. 830), den ersten Bischof von Minden.
Im Hamelner Raum gibt es südlich um 800 einen Adelssitz, später Burg (Hagenohsen), und eine Kirche (Kirchohsen) der „Herrschaft Engern und Ohsen“. Einen weiteren Herrenhof haben die damaligen Besitzer Graf Bernhard und seine Gemahlin Christina im Bereich des heutigen Münsters. Er scheint der Hauptwohnsitz des Paares gewesen zu sein, gelegen an der Kreuzung wichtigen Handelsverkehrs auf der Weser mit der Furt und dem Hellweg. Dort gründen sie 802 oder 812 eine Eigenkirche, d.h. eine Kirche für den eigenen Bedarf und die in der Umgebung Lebenden. Vor allem aber: Sie bestimmen diese Kirche als ihre Grablege, treffen somit Vorsorge für das Jenseits und ihr Gedenken.
Sie sind kinderlos und teilen ihr Erbgut: Die eine Hälfte geht an die Abtei Fulda, die andere an ihre Eigenkirche. Und als der Graf am 1. 11. 826 stirbt, fällt auch dieser Teil an Fulda. Dort wird bis zur Reformation immer am 31. 10. das Totengedächtnis begangen.
(Von der Kirche (vermutlich aus Holz) sind keine Spuren gefunden worden.) Der Stifterstein
Der Stifterstein im Münster ist eigentlich eine Grabplatte, um 1380/1390 geschaffen, und zeigt Graf und Gräfin in der Mode des 14. Jh. (!) mit einem Modell des Münsters. Die Umschrift lautet auf Deutsch: „IM JAHRE DES HERREN 712 HABEN GRAF BERNHARD UND GRÄFIN CHRISTINA DER HERRSCHAFT ENGER UND OHSEN DIESE KIRCHE GEGRÜNDET.“
Das in der lateinischen Umschrift genannte Jahr 712 als Gründungsdatum (vgl. Tafel am Hotel „Stadt Hameln“, Weserseite) ist nicht korrekt! (s.o.)
In dieser Zeit wird das Benediktinerkloster in Fulda von König Karl beauftragt, u.a. den Weserraum zu missionieren. Dies ist jedoch nachweislich nicht durch Bonifatius geschehen, wie es die Legende will, sondern besonders durch den Mönch Erkanbert (gest. 830), den ersten Bischof von Minden.
Im Hamelner Raum gibt es südlich um 800 einen Adelssitz, später Burg (Hagenohsen), und eine Kirche (Kirchohsen) der „Herrschaft Engern und Ohsen“. Einen weiteren Herrenhof haben die damaligen Besitzer Graf Bernhard und seine Gemahlin Christina im Bereich des heutigen Münsters. Er scheint der Hauptwohnsitz des Paares gewesen zu sein, gelegen an der Kreuzung wichtigen Handelsverkehrs auf der Weser mit der Furt und dem Hellweg. Dort gründen sie 802 oder 812 eine Eigenkirche, d.h. eine Kirche für den eigenen Bedarf und die in der Umgebung Lebenden. Vor allem aber: Sie bestimmen diese Kirche als ihre Grablege, treffen somit Vorsorge für das Jenseits und ihr Gedenken.
Sie sind kinderlos und teilen ihr Erbgut: Die eine Hälfte geht an die Abtei Fulda, die andere an ihre Eigenkirche. Und als der Graf am 1. 11. 826 stirbt, fällt auch dieser Teil an Fulda. Dort wird bis zur Reformation immer am 31. 10. das Totengedächtnis begangen.
(Von der Kirche (vermutlich aus Holz) sind keine Spuren gefunden worden.) Der Stifterstein
Der Stifterstein im Münster ist eigentlich eine Grabplatte, um 1380/1390 geschaffen, und zeigt Graf und Gräfin in der Mode des 14. Jh. (!) mit einem Modell des Münsters. Die Umschrift lautet auf Deutsch: „IM JAHRE DES HERREN 712 HABEN GRAF BERNHARD UND GRÄFIN CHRISTINA DER HERRSCHAFT ENGER UND OHSEN DIESE KIRCHE GEGRÜNDET.“
Das in der lateinischen Umschrift genannte Jahr 712 als Gründungsdatum (vgl. Tafel am Hotel „Stadt Hameln“, Weserseite) ist nicht korrekt! (s.o.)
Bald nach 826 gründet Fulda neben der Kirche ein kleines Nebenkloster - es leben dort Ende des 9. Jahrhunderts 11 Mönche und 11 Schüler. Wie üblich wird vermutlich auch eine Bonifatius-Reliquie nach Hameln gekommen sein. Mit Sicherheit sind 851 der Leib des Hl. Romanus und Reliquien der Hl. Emerentiana (die aber kaum eine Rolle spielt) von Rom über Fulda nach Hameln gebracht worden, zur Festigung des Glaubens, aber auch um Einnahmen zu erzielen von Kirchbesuchern und Pilgern.
Später werden weitere Bonifatius-Reliquien in der Kirche aufbewahrt.
Es wird angenommen, dass schon in der 1. Hälfte des 10. Jahrhunderts das Kloster in ein Chorherren- (Kanoniker-) stift umgewandelt wird (bis 1848) mit der Aufgabe, Seelsorge zu betreiben und die Güter zu verwalten. Damit beginnt auch eine rege Bautätigkeit, insbesondere nach 1209, als die Kirche durch Feuer vernichtet wird und danach im Wesentlichen bis ins 14. Jahrhundert ihr heutiges Aussehen erhält. Johannes Horneman, Stiftssenior
und Priester, war der erste Stiftsherr,
der 1563 lutherisch wurde.
Obwohl keine Klosterkirche (= Münster) mehr, bleibt dieser Name bis heute erhalten. In ihr werden zwei Heilige verehrt, wie es das Stiftssiegel (um 1200, oder nach 1209) darstellt: im Hohen Chor, dem Bereich der Stiftsherren, Bonifatius, und in der darunter liegenden Krypta können auch Laien ihren Heiligen, Romanus, verehren.
Das Siegel zeigt oben die Halbfigur des Bonifatius, unten Mitte die Ganzfigur des Romanus. Die fünf Bögen symbolisieren das Krypta-Gewölbe (wie im heutigen Siegel).
Die Umschrift lautet, übersetzt:
„Siegel der Kirche des St. Bonifatius in Hameln".
Später werden weitere Bonifatius-Reliquien in der Kirche aufbewahrt.
Es wird angenommen, dass schon in der 1. Hälfte des 10. Jahrhunderts das Kloster in ein Chorherren- (Kanoniker-) stift umgewandelt wird (bis 1848) mit der Aufgabe, Seelsorge zu betreiben und die Güter zu verwalten. Damit beginnt auch eine rege Bautätigkeit, insbesondere nach 1209, als die Kirche durch Feuer vernichtet wird und danach im Wesentlichen bis ins 14. Jahrhundert ihr heutiges Aussehen erhält. Johannes Horneman, Stiftssenior
und Priester, war der erste Stiftsherr,
der 1563 lutherisch wurde.
Obwohl keine Klosterkirche (= Münster) mehr, bleibt dieser Name bis heute erhalten. In ihr werden zwei Heilige verehrt, wie es das Stiftssiegel (um 1200, oder nach 1209) darstellt: im Hohen Chor, dem Bereich der Stiftsherren, Bonifatius, und in der darunter liegenden Krypta können auch Laien ihren Heiligen, Romanus, verehren.
Das Siegel zeigt oben die Halbfigur des Bonifatius, unten Mitte die Ganzfigur des Romanus. Die fünf Bögen symbolisieren das Krypta-Gewölbe (wie im heutigen Siegel).
Die Umschrift lautet, übersetzt:
„Siegel der Kirche des St. Bonifatius in Hameln".
1241 werden Stift und Kirche in einer Urkunde erstmals „St. Bonifatius“ benannt.
Der Namenswechsel markiert eine längerfristige Entwicklung.
Bonifatiusfigur
In der Kapitelstube, wo die Stiftsherren mehrmals täglich zu Bibellesungen zusammen kommen, befindet sich eine Bonifatiusfigur aus Eiche, mit einem Kristall verschlossenen „Reliquiengrab" - dadurch ist nach damaligem Verständnis Bonifatius tatsächlich anwesend. (Heute im Museum Hameln)
Nachdem das Stift 1576 evangelisch geworden ist, wird die Krypta geschlossen - Heiligenverehrung findet nicht mehr statt.
Es ist nicht bekannt, was mit den Reliquien geschehen ist; möglicherweise wurden sie beim Brand 1209 zerstört.
Wer nun war Romanus?
Mindestens acht Heilige dieses Namens werden in verschiedenen Lexika benannt. Mit höchster Wahrscheinlichkeit handelt es sich nicht um den 258 als Märtyrer gestorbenen Begleiter des Laurentius in Rom, Romanus Ostiarius oder miles genannt, vielmehr um Romanus von Caesarea in Palästina, der am 17. November 303 (oder 304?) in Antiochia / Syrien sein Leben verlor. Es wird auch ein Weggefährte namens Barula(s) im Alter von sieben Jahren erwähnt, der ebenfalls den Märtyrertod erlitt; Genaueres ist nicht bekannt, vielleicht war er sein Schüler?
Den Überlieferungen des Bischofs Eusebius von Caesarea (* 260-264; † 337-340 - er wird als der Vater der Kirchengeschichte bezeichnet) und des Dichters Aurelius Prudentius (Spanien - * 348; † nach 405) verdanken wir Hinweise auf deren Martyrium:
Romanus besuchte die Christen in Antiochia. Er beobachtete, wie sie schwach wurden, den Verordnungen des Kaisers gehorchten und Götzenopfer darbrachten. Er rief die Christen zum Widerstand auf, hat sie in ihrem Glauben bestärkt und sie ermuntert, diesen auch öffentlich zu bekennen. Daraufhin wurde er verhaftet.
Romanus und Barulas
Gemälde von Francisco de Zubaran
(Spanien, 1598 - 1664) von 1638
Der Namenswechsel markiert eine längerfristige Entwicklung.
Bonifatiusfigur
In der Kapitelstube, wo die Stiftsherren mehrmals täglich zu Bibellesungen zusammen kommen, befindet sich eine Bonifatiusfigur aus Eiche, mit einem Kristall verschlossenen „Reliquiengrab" - dadurch ist nach damaligem Verständnis Bonifatius tatsächlich anwesend. (Heute im Museum Hameln)
Nachdem das Stift 1576 evangelisch geworden ist, wird die Krypta geschlossen - Heiligenverehrung findet nicht mehr statt.
Es ist nicht bekannt, was mit den Reliquien geschehen ist; möglicherweise wurden sie beim Brand 1209 zerstört.
Wer nun war Romanus?
Mindestens acht Heilige dieses Namens werden in verschiedenen Lexika benannt. Mit höchster Wahrscheinlichkeit handelt es sich nicht um den 258 als Märtyrer gestorbenen Begleiter des Laurentius in Rom, Romanus Ostiarius oder miles genannt, vielmehr um Romanus von Caesarea in Palästina, der am 17. November 303 (oder 304?) in Antiochia / Syrien sein Leben verlor. Es wird auch ein Weggefährte namens Barula(s) im Alter von sieben Jahren erwähnt, der ebenfalls den Märtyrertod erlitt; Genaueres ist nicht bekannt, vielleicht war er sein Schüler?
Den Überlieferungen des Bischofs Eusebius von Caesarea (* 260-264; † 337-340 - er wird als der Vater der Kirchengeschichte bezeichnet) und des Dichters Aurelius Prudentius (Spanien - * 348; † nach 405) verdanken wir Hinweise auf deren Martyrium:
Romanus besuchte die Christen in Antiochia. Er beobachtete, wie sie schwach wurden, den Verordnungen des Kaisers gehorchten und Götzenopfer darbrachten. Er rief die Christen zum Widerstand auf, hat sie in ihrem Glauben bestärkt und sie ermuntert, diesen auch öffentlich zu bekennen. Daraufhin wurde er verhaftet.
Romanus und Barulas
Gemälde von Francisco de Zubaran
(Spanien, 1598 - 1664) von 1638
Dem Adoptivsohn des Kaisers Diokletian, Galerius, der in der vorderorientalischen Provinz regierte, wird ein großer Anteil an der Christenverfolgung im Römischen Reich zugeschrieben - er soll die Folterung und Erwürgung des Romanus veranlasst haben.
Im 9. Jahrhundert wird für Rom die Verehrung von 44 orientalischen Heiligen vermerkt, darunter wohl auch Romanus von Caesarea. Der Historiker Klaus Nass hält es für möglich, dass „Romanus zu jenen vielen Heiligen [gehörte], die Papst Leo IV. (847-855) angesichts der Sarazenengefahr aus ihren ungeschützten Grabstätten und Kirchen erheben und in die Stadt Rom überführen ließ.“
Demzufolge wäre die Weitergabe von Reliquien des Romanus über Fulda nach Hameln nicht überraschend.
Autoren: Gerd Schott (ehem. Kirchenvorsteher) und Pastor i.R. Udo Wolten
Im 9. Jahrhundert wird für Rom die Verehrung von 44 orientalischen Heiligen vermerkt, darunter wohl auch Romanus von Caesarea. Der Historiker Klaus Nass hält es für möglich, dass „Romanus zu jenen vielen Heiligen [gehörte], die Papst Leo IV. (847-855) angesichts der Sarazenengefahr aus ihren ungeschützten Grabstätten und Kirchen erheben und in die Stadt Rom überführen ließ.“
Demzufolge wäre die Weitergabe von Reliquien des Romanus über Fulda nach Hameln nicht überraschend.
Autoren: Gerd Schott (ehem. Kirchenvorsteher) und Pastor i.R. Udo Wolten